Wie mein KEH- Menschenbild entstanden ist

Walter Eberle - 10.02.2024

Christlich erzogen,  mit einer für das Jura-Studium geeigneten Denkstruktur von abstraktem und logischem Denken ausgestattet, gesellschaftspolitisch interessiert, wirtschaftspolitisch versiert und mit jahrelanger Erfahrung in der industriellen Bildungsarbeit, hielt ich lange Zeit an einem schwarz-weißen Menschenbild von GUT und BÖSE fest,  wie es in unserer Kultur vorherrscht. 

Als ich Ende der siebziger Jahre nach zehnjähriger Tätigkeit im Personalwesen eines Großunternehmens der chemischen Industrie  zu einer beruflichen Veränderung entschlossen war, verzichtete ich auf eine anstehende Professur an der Fachhochschule, bei der ich schon während meiner Industrie-Zeit jahrelang Vorlesungen gehalten hatte, und entschied mich für eine Tätigkeit als selbständiger Führungskräfte-Trainer. 

Als Andragoge/Lehrer   in der Erwachsenen- Bildung und mit dem Drang und dem Mut zum Privatgelehrten wusste ich, dass in diesem Berufsfeld  neue Herausforderungen auf mich warteten und auch mehr Geld zu verdienen war; gestandene Führungskräfte waren für mich eine größere geistige und psychische Herausforderung als immer neue Generationen von zuhörwilligen und unerfahrenen  Studenten.

Bei der Vorbereitung auf diese Aufgabe durchkämmte ich die psychologische und psychotherapeutische Fachliteratur unter dem Gesichtspunkt: Was überzeugt mich und deckt sich mit meiner Lebenserfahrung ? Ich hatte mich in dieser Phase mit der Logotherapie von Viktor E. Frankl geistig angefreundet.

Durch einen glücklichen Umstand kam es dann auch zur praktischen Begegnung mit der  Psychotherapie.  Meine Ehefrau betrieb zu dieser Zeit ihre Fortbildung von der Allgemeinärztin zur ärztlichen Psychotherapeutin, und ich hatte Gelegenheit, an ihren Fortbildungen bei dem für die Hessischen Ärzte zuständigen Psychiater und Neurologen Nossrat Peseschkian teilzunehmen. Er hatte ein System der positiven Psychotherapie entwickelt, bei dem man einen positiven psychologischen Zugang zu Krankheitsbildern  finden konnte. Markante Aussagen wie “Unordnung ist die Wonne der Phantasie“ oder “ Bettnässen ist die Fähigkeit, nach unten zu weinen “, waren für mich beeindruckend und haben mir die Augen dafür geöffnet, Menschen stets positiv zu sehen. 

Ich habe freundschaftlichen Kontakt zu N.Peseschkian aufnehmen können, in seiner Schriftenreihe publiziert und mit ihm Seminare durchgeführt. Seinen Ansatz habe ich ergänzt, skaliert und begrifflich erweitert. Dabei habe ich gemerkt, wie wichtig die Sprache für das Erkennen einer Persönlichkeit ist. Deshalb begab ich mich auf das Feld der Sprachforschung und fand heraus, dass es in der Charaktersprache bei der Definition von menschlichen Eigenschaften einen komplementär-polaren Zusammenhang gibt, wenn man die Begriffsanordnung  richtig trifft und die psychologische Weisheit der Sprache einbezieht. Auf diese Weise kommt an jedem charakterlichen Merkmalspol eine positive Eigenschaft zutage und ergibt so ein durchgängig positives Menschenbild.

In  jahrelanger Suche habe ich die komplementär-polaren Merkmals-Zusammenstellungen herausgefunden und die praktische Handhabung durch dazu gehöriges “Geist- Werkzeug “ ( Merkmalsbeschreibungen, Wahrnehmungshilfen, Explorationshilfen, Begriffswertungen , Schlüsselsituationen, Persönlichkeits-Portfolios  und Erkennungstechniken) aufgezeigt und benutzt.  Dabei war es mir immer wichtig,  die Abgrenzung zur humanistischen Psychologie zu finden und Fehlverhalten auch kritisch und negativ anzusprechen, weil Verhaltensänderungen ohne leidvolle Erfahrung und kritisches feedback für mich nicht denkbar sind: LEIDEN SIND LEHREN.

In meinem Bemühen hat mich die Auffassung von Prof. Kurt Schneider bestätigt, der es in seinem Hauptwerk “Klinische Psychopathologie“ als große Herausforderung ansah, positive Eigenschaften und Tugendvorstellungen in passende negative Formen ihres extremen und einseitigen Auslebens zu bringen. Dies habe ich versucht, und geholfen hat mir dabei auch der Blick auf fernöstliche Religionen, die - wie  Yin und Yang -  bei allen Erscheinungen in der Welt auf gleichgewichtige Gegenpole hinweisen. Ebenso bin ich durch begeisterte Zustimmung in meinen Seminaren bestätigt worden, auch durch Versuche und Tests in den Seminaren in meinen Erkenntnissen immer weiter gekommen und habe KEH als mein Lebenswerk fortentwickeln können und mir 1989 die Urheberrechte an KEH und den zugehörigen Schriftmaterialien notariell beurkunden lassen.

Als Selbständiger und als interessierter Leser habe ich nach dem Rückzug aus der aktiven Beratung natürlich mehr  Zeit gefunden , vertieft in der Literatur und im Internet zusätzlich nach ähnlichen Gedanken zu suchen. Dabei bin ich auch dem Ratschlag des Psychosomatikers  Josef Rattner gefolgt: “ Die Psychologen sollten sich nicht scheuen, bei den Dichtern hinsichtlich der Charakterkunde in die Schule zu gehen.“  Auf diesem Weg bin ich fündig geworden und  habe erkannt, dass der ursprünglich polare Denkansatz bei großen Geistern des Abendlandes bis in die Antike hinein schon vorhanden war, ehe die moderne Psychologie die Idee aufgriff. 

Die Reihe  reicht  von Aristoteles über G.E.Lessing  bis hin zu J.W.von Goethe und setzt sich fort über  Stefan Zweig, Hermann Hesse, Luise Rinser bis hin zu Ernst Jünger. 

Die gesammelten Fundstellen und die erfreuliche Akzeptanz meiner Gedanken haben mich bestärkt und sicher gemacht, dass KEH die richtige Sichtweise auf menschliche Eigenschaften vermittelt und auch dem grundgesetzlichen Verlangen nach Wahrung der Menschen-Würde entspricht. 

Das vorherrschende Menschenbild , das in Schwarz- Weiß und Gut und Böse verhaftet ist,  wird in ein Komplementär-Polares übergehen und einen Fortschritt  in der Wissenschaft vom Menschen verzeichnen.

Betroffen davon ist neben dem im  Christentum vorherrschenden Menschenbild auch unsere Kommunikationskultur.

Zwar wird In der  heutigen Zeit der polare  Blickwinkel schon vielfach  erkannt, und der Paradigmenwechsel liegt gleichsam in der Luft ;  jedoch ist die einst von Leibniz aufgeworfenen Theodizee -Frage nach der Definition des Bösen und wie das Leiden und Übel  in der Welt mit Gott zu vereinbaren sei, über Jahrhunderte hinweg im Sinne der christlichen Definition von Augustinus  beantwortet und implementiert worden.

Ich  stelle mir oft die Frage, wie es kommt, dass solche durchschlagenden Erkenntnisse wie die komplementäre  Polarität sich nicht im Laufe  von Jahrhunderten durchgesetzt haben; so wie naturwissenschaftliche Erkenntnisse und Gesetzmäßigkeiten doch auch. Natürlich hat die Verfestigung des Schwarz-Weiß-Bildes maßgeblich dazu beigetragen. Auch war In der seelsorgerischen Arbeit die notwendige Verbindung  von Religion und Psychologie, auf die Eugen Drewermann in seinen Schriften aufmerksam gemacht hat, sicher zunehmend verloren gegangen und von einer machtvollen karitativen Barmherzigkeits- und Überzeugungs-  Kampagne dominiert worden. 

Meine Vermutung ist aber auch, dass eine Erklärung darin liegen könnte, dass früher schon erkannte Erkenntnisse über psychologische Gesetzmäßigkeiten keine mediale Zustimmung und Verbreitung fanden . Sie wurden vielfach auch als Geheimwissen bewahrt und fanden so nicht den Weg in die Öffentlichkeit. Wer sie besaß,  konnte wunderbar  - und das heißt  nicht nachvollziehbar  -  gleichsam als Wundertäter  auftreten oder angesehen werden. Doch zu beachten ist die  Erkenntnis: GEHEIMNISSE SIND KEINE WUNDER . Echte Wunder liegen jenseits unseres Wissensstandes. Historische Beispiele für solche Geheimhaltung finden sich schon bei Aristoteles und bei dem berühmten Psychotherapeuten Milton H.Erickson, dessen Geheimwissen in dem Satz verborgen war: “ wenn Sie einem Patienten zuhören, dann glauben Sie nur nicht, ihn zu verstehen, denn man hört immer nur mit den eigenen Ohren und denkt in seinem eigenen Vokabular. “ Auch in S.Kierkegaards Ratschlag, man sollte die anderen subjektiv sehen und sich selbst objektiv, ist die aus der komplementären Polarität entstehende Wertschätzung verborgen. 

Es ist erwägenswert, ja sogar stark zu vermuten, dass auch Jesus als weiser Mensch über komplementäres Wissen verfügt und darin Spuren des Göttlichen entdeckt hat.

Ich habe im Laufe der Zeit gelernt, Menschen anhand ihres Wortgebrauchs in ihrem Charakter zu erkennen und  IHRE Denkweise und Motivation   nachzuvollziehen, und ich bin dabei  mit Fragestellungen konfrontiert worden wie    “Können Sie Gedanken lesen ?“ oder  “ Wollen Sie Ihr Wissen mit ins Grab nehmen? “

Obwohl ich meine berufliche Beratungstätigkeit im Wesentlichen beendet habe, lassen mich  die Fragestellungen und Anwendungsmöglichkeiten von KEH nicht los. Meine Gedanken und Erkenntnisse zum KEH-System will ich künftig offenlegen und auf Anfrage preisgeben, um den Weg zum komplementär-polaren Menschenbild zu bereiten. 

Ich bin zur festen Überzeugung gekommen bin, dass sowohl in der christlichen Religions-Auffassung wie auch im  Bildungs - Sektor und im politischen Demokratie - Verständnis einiges im Argen liegt und der Aufklärung bedarf.

Darüber will ich künftig in meinen KEH-Denkanstößen schreiben.

 

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